ructo…

Überall Lärm – auch im Web

Posted in Medien by Verfasser on 19. 10. 2016

Ich mag es nicht, penetriert zu werden. Es ist mir unangenehm, wenn jemand unvermittelt und ungefragt in meine Komfortzone eindringt. Das ist beispielsweise bei Lärm so. Wenn irgendein Idiot (das Wort ist der Stimmungslage geschuldet) seine sogenannte Musik so laut aufdreht, daß ich sie mithören muß. Das ist nicht nur der Typ im Cabrio an der Ampel oder der freundliche Mieter neben mir. Das sind auch öffentliche Veranstaltungen. Neulich war ich in der Marina einer südfranzösischen Insel. Dummerweise war in dem winzigen Ort gerade eine „Kulturwoche“. Es gab Freilicht-Kino. Da hockten am Abend vor einer Leinwand 150, vielleicht 200 Leute. Keiner weiter als sechs oder sieben Meter entfernt. Aber die Lautstärke des Film-Tons hätte definitiv ausgereicht, ein Fußballstadion – in Längsrichtung! – zu bespielen. Natürlich war das über die Häuser hinweg bis ‚runter auf’s Boot zu hören.

Warum machen die Leute das, warum wollen die das? Warum muß „Stimmung“ und „Gute Laune“ gerade bei der jüngeren Generation immer mit Lärm einhergehen?

Oder – wieder einmal – die Raucher. Nicht nur unter der Fenstertür meines Schlafzimmers stehen sie, an ihrem Fenster, und qualmen so mein Zimmer voll. Ja sogar draußen am Strand, die mögen 15 Meter weit weg sein, selbst eine laue Brise trägt den Gestank noch herüber. Hier wie da bin ich gezwungen, deren Abgase einzuatmen (oder eben mein eigenes Fenster zuzumachen, den Platz am Strand zu wechseln – danke). Erschöpft sich Rücksichtnahme heute darin, kein Schweinfefleisch mehr in Kindertagesstätten anzubieten – der Muslime wegen?

Und damit zum Auslöser für diese Zeilen: Auch normale, informativ angelegte Webseiten wie etwa von Nachrichtenportalen penetrieren mich. Da blinken nicht nur im rechten Rand hektisch irgendwelche animierten GIF. Zunehmend klappen mitten im Content, dessentwegen ich diese Webseiten ja besuche, ungefragt plötzlich mindestens den halben Bildschirm hohe Werbefilme auf, untermalt von lautstarker Begleit-„Musik“. Die Unverschämtheit wird noch übertroffen durch den eingeblendeten Hinweis „Diese Werbung endet in 15 Sekunden“. Oder es poppen plötzlich Fenster auf, die mir einen Newsletter aufdrängen (um „nichts mehr zu verpassen“) oder ein Facebook-Fan zu werden.

Sind sich die Verantwortlichen bewußt, was die Folge ist? Ich suche diese Seiten entweder gar nicht mehr auf, weil ich mich belästigt fühle. Oder ich tue es mit einem Minimalbrowser ohne Java und Javascript – und nehme inkauf, daß die Darstellung bröckelig und damit das Lesen mühselig werden (wobei ich sehr hoffe, daß die „Werbekunden“ nicht nur den nativen Seitenaufruf zählen). Und wenn ich dann auf Seiten stoße, die ohne Javascript gar keinen Inhalt mehr, stattdessen ausdrücklich ein „Ätsch“ präsentieren – dann werden auch die künftig gemieden.

Eigentlich erstaunlich, daß den Online Redaktionen nicht klar ist: Es gibt keineswegs nur Konsumenten, denen es egal ist, ob das Verhältnis Content zu Werbung langsam die 50:50 Marke überschreitet (siehe  hier). Die darüber hinaus keinen hochperformanten VDSL Anschluß haben. Gerade die Medienportale, die den intellektuellen (und kaufkräftigen) Leser erreichen wollen, schaufeln sich so ihr eigenes Grab – sie bleiben ungelesen. Und das wirkt sich nicht nur auf ihre Werbeeinnahmen aus. Sondern auch auf ihr Selbstverständnis, ihre Bedeutung.

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