ructo…

Das ist gar kein Mahnmal

Posted in Gesellschaft by Verfasser on 19. 1. 2017

Meine Anmerkung zum aktuellen Aufreger um Björn Höcke’s Auswürfe zum Holocaust-Mahnmal in Berlin:

Ihr, die Ihr da so schrill empört seid – seid Ihr mal dortgewesen? Da rennen, von den Eltern losgelassen, kreischend Kinder durch die Gassen, spielen Verstecken. Da suchen Touristen nach dem besten Platz für ein Selfie mit Gedenkstein. Bevor sie weitermüssen, weil der Reiseleiter gerufen hat. Andere lustwandeln zwischen den Klötzen, offenbar um des ungewohnten Raugefühls und der „spannenden“ (so sagt man in Architektenkreisen gern) Perspektiven wegen.

Das ganze ist eine beeindruckende Skulptur. Aber – jenseits von für kamerabegleitete Besuche von Politikern inszenierte Betroffenheit – kein Mahnmal: Weil es niemand so empfindet, niemand so behandelt. (Die immer weniger werdenden Überlebenden ausgenommen – aber waren die 2005 die Zielgruppe oder sind es heute?)

Nicht anders sieht es übrigens mit den Gedenkstätten in einstigen Konzentrationslagern aus, meinetwegen Dachau. Direkt neben den mannshohen Tafeln mit Photographien von ausgemergelten, hohläugigen Menschen und von Bergen aus Leichen, mehr Skelett als Körper, stehen die Leute und unterhalten sich über das Wetter. Touristen brechen in Lachen aus, weil einer von ihnen wohl etwas Drolliges von sich gab.

Das ist keine Erfindung. Das alles habe ich jeweils dort gesehen. Nicht nur einmal. Das sind keine Mahnmale, keine Gedenkstätten. Weil sich dort niemand gemahnt fühlt, niemand gedenkt.

Den Architekten können wir das nicht vorwerfen. Ich (der ich immerhin Architektur studiert habe) wüßte jedenfalls nicht, wie ich ein Mahnmal so gestalten sollte, daß es den Besucher „verläßlich“ zur Andacht zwingt. Es kann wohl immer nur ein Angebot sein. Wenn das niemand annehmen will, dürfen wir uns fragen, ob es überhaupt einen Sinn hat. Hier würde ich – umgekehrt zur Pharmazie – sagen: Wenn die Medizin nicht wirkt, liegt es am Patienten.

Was irgendein Herr Höcke zum Holocaust-Mahnmal sagt, ist mir gleich. Ich finde, das hätten wir alle besser überhört anstatt überhöht. Ich trage übrigens keine Erbschuld an dem, was mein Großvater (vielleicht nicht einmal der) getan hat. Das „Dritte Reich“ und der Holocaust sind nicht meine Schande. Auch nicht die der Bundesrepubik Deutschland.

Für mich ist – gerade angesichts der oben geschilderten Erlebnisse – Schande, daß Menschen sich in unmittelbarem Angesicht der Greuel nicht mahnen lassen, zu was Menschen fähig sind. Daß sie da nicht innehalten, Auge in Auge mit dem Unfaßbaren. Daß für sie der Besuch der Gedenkstätten nichts als ein kurzweiliger Ausflug ist.

Nicht über Höcke solltet Ihr Euch empören.

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Eine Antwort

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  1. alphachamber said, on 20. 1. 2017 at 7:07

    „Wer sich mit Geschichte befasst, braucht weder ein Denkmal für die Schoah, noch eines für die Schlacht im Teutoburger Wald. Denkmäler sind nur Wegweiser für die Verlorenen.“

    Darüberhinaus finden wir dies „Mahnmal“ als eine architektonische Monstrosität, dessen alleiniges Ziel es war, die max. zugewiesene Fläche durch ein bewusst häßliches Objekt den größtmöglichen Schaden am Stadtbild zu verursachen. Die späte Rache eines Juden an der ehemaligen Reichshauptstadt.


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