ructo…

Weltliteratur in Twitter

Posted in Medien by Verfasser on 10. 3. 2017

Ich war zeitig mit der Arbeit fertig, aber es entspann sich noch ein interessantes, sehr persönliches Gespräch beim Kunden. Dreieinhalb Stunden lang. Als ich dann nachhause fuhr, drohte mir mein Nachrichtenradio mit einer Sportübertragung. Ich schaltete um auf Bayern2, wo manchmal spätabends Hörspiele laufen.

Es war aber kein Hörspiel. Es war eine literarische Lesung. Nach zwei Sätzen kam mir das Werk bekannt vor und nach vier Sätzen wußte ich: Das ist „Der Liebhaber“ von Marguerite Duras. Das Buch habe ich vor fünfzehn oder zwanzig Jahren gelesen. Dennoch reichten diese vier Sätze.

Zum Tanken mußte ich unterbrechen, aussteigen. Nachher war ich irritiert, wähnte mich beim Zuhören plötzlich wie Kevin Kline in Ein Fisch namens Wanda: „Wie war das im Mittelteil?“. Und gleich darauf hörte ich – übergangslos – das, was ich als Schlußszene vor so einer Art Epilog in Erinnerung hatte. Und stellte fest, daß gerade dieser Epilog, der mich damals zu Tränen rührte, einfach fehlte. Denn jetzt kamen die Nachrichten.

Ich sah mir später auf der Webseite das Programm an. Ja – in den „Radio Texten“ lief genau dieses Werk. Eingestampft auf 55 Minuten. Die „Hörbuchfassung“ läuft, wie ich recherchierte, 200 Minuten.

Was ist das? Was tut man Literatur hier an? Auf der Webseite des BR, im Kleingedruckten, heißt es zwar „Eindrücke aus diesem zentralen Roman der französischen Literatur in der klassischen Lesung“. Aber was soll das sein, „Eindrücke“? Kann man einen „Eindruck“ von einem „zentralen Roman“ vermitteln, indem man dreiviertel des Werkes einfach ausblendet? Nach welchen Kriterien überhaupt? Wenn eine solche Menge einfach so verzichtbar wäre, dann wäre das kein „zentraler“, sondern ein Groschenheft-Roman. Und schließlich, was bedeutet hier „klassische Lesung“: Weltliteratur für Twitter aufbereitet?

Der Bayerische Rundfunk macht da einen auf Kultursender. Dabei beschmutzt und zerstört er Kultur, indem er ein paar Seiten aus einem Roman herausgreift, nahtlos aneinanderreiht und den „Eindruck“ erweckt, diese willkürliche Auswahl einer Redaktion habe etwas mit dem Werk zu tun.

 

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